Müssen wir auf das nächste Desaster warten Brune Poirson Chief Sustainability Officer Accor motiviert zum Wandel

Müssen wir auf das nächste Desaster warten?

Brune Poirson, Chief Sustainability Officer Accor, motiviert zum Wandel

Power-Frau Brune Poirson: Erst die Digitaliserung, dann Airbnb – beides ein grosser Schock, aber auch Evolution. Jetzt ESG: 'Möchten wir nicht neue Profit-Wege finden und Dinge, die nicht mehr funktionieren, fallen lassen?'Video-Foto Accor 

Paris/Berlin. "Zum ersten Mal haben wir beim Thema Nachhaltigkeit ein Momentum erreicht, einen 'Sweet Spot'. Und erstmals hören alle Stakeholder hin: Denn der Druck kommt nun aus allen Richtungen, gleichzeitig." Die scheinbar deprimierende Lage motiviert Brune Poirson ungemein. Seit Mai dieses Jahres ist sie Chief Sustainability Officer bei Europas grösster Hotelgruppe Accor. "Und genau das ist der richtige Zeitpunkt, das Business ernsthaft auf Nachhaltigkeit umzustellen", versucht sie die Hospitality-Branche zu motivieren. Sie selbst gehört in Paris zu den politisch relevanten Persönlichkeiten rund ums Thema Nachhaltigkeit.

Brune Poirson hat sich schon immer für eine nachhaltige Entwicklung eingesetzt und verfügt über doppelte Erfahrung im privaten und öffentlichen Sektor. Innerhalb der französischen Regierung setzte sie sich für das Anti-Müll-Gesetz ein, das sich u.a. gegen die Plastik-Verschmutzung richtete, und war Mitglied wichtiger Organisationen sowohl in Frankreich als auch international. Bis vor kurzem war Brune Poirson Mitglied des französischen Parlaments und drei Jahre lang Staatssekretärin für "Environmental Transition". Sie war die erste Französin, die zur Vizepräsidentin der Umwelt-Versammlung der Vereinten Nationen gewählt wurde.

Brune begann ihre Karriere in London bei NESTA, der britischen Innovationsstiftung, wechselte dann zur französischen Development Agency und zur Veolia-Gruppe in Indien, bevor sie für einen grünen Startup-Inkubator in Boston arbeitete. Sie ist Absolventin der London School of Economics, der Sciences Po Aix und der Harvard Kennedy School of Government.

Die 38-Jährige betritt voller Elan den Meeting Room im Pullman Hotel Berlin, um mit hospitalityInside zu plaudern. Sie lebt ihre Leidenschaft, in Gestik, Mimik und klarer Sprache. Angesichts einer möglichen grossen Karriere in der Politik ist unsere erste Frage:

Was hat Sie dazu bewogen, in der Hospitality-Branche zu arbeiten?

"Zuerst die Menschen. Ich wollte einfach nicht für ein Unternehmen arbeiten, das nur grosse Kühlschränke herstellt", antwortet sie bildhaft, "aber auch wegen der Krise. Sie ist eine tolle Herausforderung, die Dinge anders zu machen". Und schliesslich war sie überzeugt von Sébastien Bazin – "einer der grossen CEOs Frankreich. Für ihn direkt zu arbeiten, war eine grosse Chance."

Brune Poirson, 38 und ein Name, den man in Frankreich kennt: Ex-Politikerin, Ex-Staatssekretärin, jetzt Chief Sustainability Officer von Accor.Foto: Bruno Levy

Wie schätzt Brune Poirson den Stand der Nachhaltigkeits-Entwicklung in Europa ein?

"Haupttreiber ist immer noch die Regulierung, dicht gefolgt von den Investoren. Bei Investitionen geht es immer um Risiko-Minderung und -Management. Eine Überschwemmung wie in Deutschland im letzten Sommer oder der Anstieg des Meeresspiegels – all das ist ein grosses Risiko. Werden Versicherungen noch risiko-behaftetete Hotels aufnehmen? Und schauen sich Investoren Hotels inzwischen nicht auch unter dem Aspekt der Umweltfreundlichkeit an? Am Tag einer strengeren staatlichen Regulierung könnte das Objekt schliesslich schon ein 'stranded asset' sein…".

Die UN-Klimakonferenz im November 2021 in Glasgow habe gezeigt, dass die Regierungen Klimaschutz ernster denn je verhandeln und durchsetzen wollen – in einer Weise, der niemand mehr entkommen könne.

Warum sollten Hotels jetzt in Nachhaltigkeit einsteigen und nicht mehr warten? Schliesslich tragen die meisten Unternehmer enorme Finanz-Bürden aus der Pandemie und neue, horrende Mehrfach-Belastungen durch den Ukraine-Krieg, durch Inflation, Energie- und Lohnkosten?

"Paradoxerweise müssen wir – während wir mit der Ukraine und der Inflation weitermachen – schneller und stärker in die Energieeffizienz investieren als zuvor", insistiert Brune Poirson. Vor allem Energie, die aus Gas gewonnen wird, sei sehr teuer. Wenn man billigere Energie haben und nicht von geopolitischen Faktoren abhängig sein wolle, würden heutige Investitionen später zu finanziellen Einsparungen führen. "Also ist es vernünftiger, jetzt zu investieren!" In einigen europäischen Ländern gibt es staatliche Subventionen für Hospitality-Unternehmen. Solche Angebote sollte alle veranlassen, sich selbst besser zu organisieren, um Zugang zu diesen Subventionen zu bekommen, rät die CSO den Unternehmen und der Branche.

Sébastien Bazin hatte im Mai in einem Interview mit uns berichtet, dass sich allein die Energiekosten bei Accor auf 600 Millionen Euro belaufen und dass man den Eigentümern wohl als erstes helfen werde, in erneuerbare Energien einzusteigen.

Accor strebt weitere, konkrete Lösungen an – auch in der Finanzierung. Brune Poirson: "Wir haben Zugang zu einigen grünen Finanzierungsmechanismen. Wie machen wir das? Wir entwerfen derzeit sehr konkret eine Gebäude-Score Card, die die Auswirkungen von CO2 pro Hotel zeigt. Das wird uns helfen, genau zu identifizieren, was wir tun müssen, um Emissionen zu reduzieren". Eine dieser Lösungen heisst "Green Finance" – in Kooperation mit Energie-Dienstleistern, die "Energy as a service" anbieten: Die Unternehmen investieren und erhalten aus den Einsparungen von Energie und Finanzierung ein Payback.

Weshalb hängen staatliche Regulierungen und Dinge, die die Umwelt schützen, nun eng mit der sozialen Verantwortung von Unternehmen zusammen, dem "S" in ESG?

"Hier treibt mich vor allem der Schwung der Kollegen aus der Operation. Mitarbeiter zu behalten und neu zu gewinnen, ist schliesslich Teil der Business Performance", erläutert die Nachhaltigkeitsexpertin, die alle ESG-Kriterien im Blick behalten muss. Doch es geht natürlich noch um deutlich Mehr: um Gehälter, verbesserte Arbeitsbedingungen, Trainings und Chancengleichheit für Menschen.

"Mein CEO gibt mir zu bedenken: Wenn wir in einem sicheren Geschäftsumfeld operieren wollen, müssen wir die soziale Ungleichheit angehen. Wir alle wussten, dass es nach Covid-19 soziale Probleme geben wird…" Wo immer Menschen Dinge nicht verstehen, entstehen stille und laute Proteste; letzteres hat Frankreich durch die teils gewalttätigen Demos der "Gelbwesten" erlebt. Auch deshalb müsse die Hospitality-Branche Teil der Bewegung sein, die sich für Chancengleichheit einsetzt, um soziale Probleme zu lösen. "Das klingt gross, ist aber sehr konkret. Wenn wir dabei keine Rolle spielen, wird unser Geschäft leiden. Wir haben eine Verantwortung, die über die Gastfreundschaft hinausgeht."

Und sie legt den Finger in eine Wunde der Branche: "Wenn die Leute nicht verstehen, wie wichtig das alles für die Branche ist, dann wollen sie nicht mehr in dieser Branche arbeiten. Sorry, vielleicht bin ich superblond? Die Realität ist doch die: Haben wir die Menschen gut behandelt? Wenn ja, dann wären sie während der Pandemie geblieben. Und man hätte die Mitarbeiter schon in den 30 Jahren zuvor besser behandeln können, schon lange vor Corona"…

Brune Poirson sieht die Branche mit dem nüchternen Blick eines Outsiders. Und sie schüttelt den Kopf angesichts all der Branchen-Diskussionen. "Müssen wir auf die nächste Überschwemmung warten?" fragt sie, "oder auf die nächste Vorschrift, die Ihr Hotel CO2-frei macht?" ESG hat vieleVorteile, selbst in HR: Wer die besten Mitarbeiter hat, bietet den besten Service und wird zum attraktivsten Unternehmen.

Können Hoteliers über die gesamte Wertschöpfungskette hinweg kooperativ zusammenarbeiten? Ist das möglich?

Brune Poirson reagiert erstaunt: "Es geht nicht darum, dass es möglich ist. Es ist der einzige Weg nach vorn. Was tun wir als multinationales Unternehmen? Wir senken die Kosten, wir standardisieren und wir versuchen, so global wie möglich zu sein. Das Schwierige an ESG ist, dass man genau das Gegenteil tun muss: Es ist kostenintensiver, resourcen-, personal- und finanzintensiver. Das ist die harte Wahrheit. Und das bedeutet, dass wir alle unser Geschäftsmodell in Frage stellen müssen!"

Sie erinnert an die aufkommende Digitaliserung. "Damit mussten wir alle unsere Prozesse ändern. Das wussten wir damals auch. Dann kam Airbnb – ein grosser Schock für unsere Branche, zugleich eine grosse Evolution. Wollen wir das Gleiche nun mit Nachhaltigkeit erleben oder Nachhaltigkeit einfach annehmen? Möchten wir nicht neue Profit-Wege finden und Dinge, die nicht mehr funktionieren, fallen lassen?"

Und sie bleibt mit den Füssen auf dem Boden, wenn sie immer wieder aus dem Alltag spricht: Es gibt viele tiefhängende Früchte, mit denen man nachhaltig einsteigen kann: Muss eine Klimaanlage in der Küche Tag und Nacht laufen? Sie ist überzeugt: Wenn man den Menschen Werkzeuge in die Hand gibt, nachhaltiger zu agieren und sie ausserdem noch trainiert, dann ist der Weg nicht so steinig wie man denkt. Technologie und Digitalisierung werden den Wandel zu mehr Nachhaltigkeit stark unterstützen. "Es gibt keine Nachhaltigkeitslösung ohne digitale Lösung", weiss Brune Poirson.

Sie selbst ist felsenfest davon überzeugt: Jeder kann dazu beitragen. Aber es braucht Leader, die es vermitteln. Brune Poirson ist eine davon. Das macht die Chief Sustainability Officer von Accor in dem nachfolgenden Video temperamentvoll klar. Schauen Sie mal rein!

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